Home      Verlag      Bibliothek      neuro aktuell      TherapieTabellen      Media      Kontakt

Kontrovers diskutiert

Auswirkungen auf Beruf und Alltag
ADHS-Symptomverschiebung vom Kindes- zum Erwachsenenalter
Dr. med. Ann-Kristin Hörsting

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (kurz ADHS) ist eine psychiatrische Erkrankung, die grundsätzlich im Kindesalter beginnt. Studien zeigen jedoch eine hohe Persistenz der Symptome bis ins Erwachsenenalter, teilweise sogar bis ins Senium.     

Auch in der Öffentlichkeit ist die Diagnose immer mehr in den Fokus gerückt, so dass psychiatrische Kliniken eine zunehmende Nachfrage betreffend Diagnostik und Behandlung verzeichnen. Nicht immer wurde diese Erkrankung bereits im Kindesalter diagnostiziert, so dass Ärzte sich mit dieser Erkrankung, die sich im Erwachsenenalter anders darstellen kann, vertraut machen sollten.

Die sogenannten Kernsymptome Aufmerksamkeitsstörung, Impulsivität und Hyperaktivität können in den verschiedenen Lebensspannen in altersspezifischer Form nachgewiesen werden, dauern jedoch nicht immer im Vollbild über die Kindheit hinaus an. Hier unterscheidet man zwischen syndromatischer, symptomatischer und funktioneller Remission. Wir sollten ADHS als eine dimensionale Störung betrachten, bei der die Symptome nicht immer gleich stark ausgeprägt über die Lebensspanne auftreten. Die damit verbundene Einschränkung der Lebensqualität ist in ganz verschiedenen Lebensbereichen nachweisbar, so dass die Patienten oft unter ihren Möglichkeiten bleiben. Dies geht von einer schlechteren Bildung über ein niedrigeres Einkommen, bis hin zu einem vermehrtem Auftreten von Unfällen, Suchterkrankungen und Scheidungen.

Neben den drei Kernsymptomen können zusätzlich  auch Störungen der Emotionsregulierung, eine deutliche Selbstwertproblematik, ein aus den negativen Erfahrungen resultierender sozialer Rückzug, vermehrte Ängstlichkeit, Niedergeschlagenheit bis hin zur Depression sowie risikoreiches Verhalten oder auch eine Neigung zu Alkohol- und Drogenmissbrauch auftreten. Ferner finden sich problembelastete Beziehungen zur Herkunftsfamilie und anderen Menschen.
Die ADHS ändert über die Lebensspanne ihr Erscheinungsbild:

Die motorische Unruhe nimmt tendenziell ab, während eine innere Unruhe zunimmt.
Die Unaufmerksamkeit zeigt sich in Schwierigkeiten bei Konzentration, Arbeitsorganisation und -genauigkeit. Es leiden bei der Arbeit die Sorgfalt, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Die Aufmerksamkeitsstörung persistiert am hartnäckigsten.
Die Impulsivität zeigt sich mehr in unbedachten und risikoreichen Verhaltensweisen als im Toben und Schreien, wie es bei Kindern häufig vorkommt.

Die einzelnen Symptome zeigen sich oft durch Funktionseinschränkungen und können teilweise schwer voneinander abgegrenzt werden.
Die Schwierigkeiten sind nicht mehr so sehr auf die Lebensbereiche Eltern und Schule konzentriert, sondern liegen eher in den Lebensbereichen Arbeit und Beziehung zu Mitmenschen.

Die emotionalen Schwankungen und Schwierigkeiten  der Emotionsregulation treten immer mehr in den Vordergrund. Wegen dieser wird auch am ehesten der Fachmann aufgesucht, und sie werden teils als den Alltag sehr belastende Symptome erlebt.
Alle genannten Symptome erfahren eine starke Beeinflussung durch Belastungen oder auch Unterstützung von außen.

Die ICD-10 und DSM-IV-Kriterien sind stark auf den Kinder- und Jugendbereich ausgelegt. In der Praxis zeigt sich, dass eine Anpassung der Diagnosesysteme dringend erforderlich ist. In der neu erschienenen version des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-V) wurden die Diagnosekriterien mehr an das Erwachsenenalter angepasst. Dies wird auch beim ICD-11 so erwartet. Ebenso trägt die Erhöhung des Alters, ab dem die Symptome nachgewiesen sein müssen, dem Tatbestand Rechnung, dass gerade der unaufmerksame Typ in der frühen Kindheit nicht per se auffällig wird, sondern Schwierigkeiten erst bei vermehrtem Wegfall der externen Kontrolle sowie bei erhöhten Anforderungen wie Schulwechsel oder zunehmende Selbstständigkeit bemerkt wurden. Und es bestehen je nach Alter der zu diagnostizierenden Person oftmals Probleme, sich adäquat an diese Zeit zu erinnern, Grundschulzeugnisse zu finden oder eine Fremdanamnese über die Eltern zu erheben. Es wird künftig eine Erhöhung der Prävalenz erwartet.

Bei Erwachsenen empfiehlt es sich auf bereits existierende Diagnosesysteme wie die Wender-Utah-Rating-Scale oder den HASE (Homburger ADHS-Skalen für Erwachsene) oder IDA (Integriertes Diagnosesystem für Erwachsene) zurückzugreifen, da diese erwachsenenspezifisch ausgerichtet sind.

Die Diagnose einer ADHS darf erst gestellt werden, wenn eine Mindestanzahl an Symptomen seit mindestens sechs Monaten gleichförmig vorhanden war, erstmals vor dem sechsten (ICD-10) oder 12. Lebensjahr (DSM-5) auftraten und mehrere Lebensbereiche in bedeutsamer Weise beeinträchtigen. Sie dürfen nicht durch andere Erkrankungen besser erklärbar sein.

Die Diagnosestellung wird zum Teil dadurch erschwert, dass Erwachsene durch immer wiederkehrende Probleme und dementsprechende negative Rückmeldungen aus dem Umfeld oftmals Coping-Strategien entwickelt haben. Trotzdem darf man nicht unterschätzen, dass auch bei guter Kompensation die Betroffenen unter dem erhöhten Aufwand, den sie hierfür betreiben, leiden. Häufig zeigt sich die gute Kompensation vorrangig im Beruf mit fast zwanghaft anmutenden Verhaltensweisen, die auf Kosten des Privatlebens gehen, in dem die Patienten oft isoliert leben und über chaotische Wohn- und Freizeitverhältnisse berichten. Es wird soviel Zeit in die Kontrolle des beruflichen Alltags investiert, dass kaum Energie für die Freizeitgestaltung bleibt. Auch entwickeln sie ein Vermeidungsverhalten, um unangenehmen Situationen (z.B. langes Sitzen oder monotonen Tätigkeiten mit hoher Fehlergefahr) zu entgehen.

Viele unter ADHS leidende wählen Berufe, die ihrer schnellen Entschlusskraft und der Unruhe entgegenkommen. Wenn sie ihre berufliche Nische gefunden haben, finden sich hier zum Teil Menschen mit beachtlichen beruflichen Erfolgen. Auch eine regelmäßige sportliche Betätigung wird als wohltuend erlebt, bzw. ist bei einigen Patienten unabdingbar, um überhaupt leistungsfähig zu sein. Es finden sich Berichte von frühmorgendlichem Sport, um Druck abzubauen und überhaupt arbeitsfähig zu sein.
Auffallend ist fast immer eine lange Leidensgeschichte, bei der sich viele Misserfolge und negative Rückmeldungen aneinanderreihen, die sich die Patienten selber oft kaum erklären können, da sie schnell für neue Aufgaben zu begeistern sind. Im Beruf fallen vor allem die Organisationsschwierigkeit, fehlende Vorausplanung und die Schwierigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, auf. Es kommt zum Aufschieben oder Vergessen von Terminen.

Im sozialen Leben schaffen es die Patienten gut, Kontakte zu knüpfen, durch ihr „Sensation seeking“ (Reizhunger nach Neuem) und reduzierte Impulskontrolle kann es jedoch zu riskanten sexuellen Kontakten und Frühschwangerschaften kommen. Langeweile wird kaum ertragen und gerne mit Risikosportarten, Internetsurfen oder Computerspielen kompensiert. Schnell wechselnde Reize können diese Menschen stundenlang fesseln.

In der Praxis ist ein typisches Zeichen eine ungewöhnliche oder ständig wechselnde Sitzposition, zum Beispiel sitzen sie auf ihren Händen (oder schlagen ein Bein unter den Hintern oder schlingen die Beinen ineinander). Gegenstände werden teilweise den ganzen Tag in der Hand behalten, um daran herumzuspielen. Beziehungen bleiben oft über die ganze Lebensspanne ein mit Schwierigkeiten behafteter Bereich. Dies wird in den Studien mit Alterspatienten von diesen auch retrospektiv als sehr belastend dargestellt. Nicht selten leben Menschen, die ADHS-Symptome aufweisen, im Alter sozial isoliert. Das zwischenmenschliche Leben ist geprägt von einem schnellen emotionalen Wechselbad der Gefühle, bis hin zu Stimmungsausbrüchen, die sich reaktiv auf Kleinigkeiten entwickeln und nur von kurzer Dauer sind; nachtragend ist ein Patient mit ADHS selten.

Auch im Straßenverkehr kann es zu riskantem Verhalten kommen, da es Betroffenen oft schwer fällt, an roten Ampeln oder hinter langsameren Verkehrsteilnehmern zu warten oder sich an Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten. Schwer gelingt es ADHS-Patienten auch, in Gesprächen abzuwarten, so dass sie andere häufig nicht ausreden lassen, selbst wenn negative Folgen zu erwarten sind. Des Weiteren häufen sich sowohl somatische als auch psychiatrische komorbide Erkrankungen, die Symptome schwerer zuordenbar machen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die ADHS auch bei Erwachsenen auftritt und zu vielfältigen Beeinträchtigungen in Beruf und Alltag führt. Sie scheint schwerer diagnostizierbar zu sein, da sich die Symptome anders darstellen als im Kindesalter. Dennoch kann und sollte auch bei adulten Patienten eine multimodale Therapie erfolgen.

Aus: neuro aktuell Ausgabe 1, Februar 2014

Dr. med. Ann-Kristin Hörsting
Oberärztin / Stv. Leitung EPD Weinfelden
Psychiatrische Dienste Thurgau AG,
Schützenstraße 15, CH-8570 Weinfelden
ann-christin.hoersting@stgag.ch
Westermayer Verlags-GmbH, Fuchswinkel 2, 82349 Pentenried,
Tel: +49 (0)89 27 22 028, Fax: +49 (0)89 27 30 058, mail@westermayer-verlag.de
© Westermayer Verlags-GmbH