Home     Verlag      Bibliothek      neuro aktuell      TherapieTabellen      Media      Kontakt

Kontrovers diskutiert

Schizophrenie / Bipolare Störungen
Klinisches Profil und Stellenwert von Adasuve® in der Agitationstherapie
Prof. Dr. Georg Juckel

Bei den meisten psychiatrischen Erkrankungsbildern kann es im Akutzustand zu Unruhe- und Spannungszuständen kommen. Als Bedarfsmedikation bei diesen Unruhe- und Spannungszuständen werden entweder niederpotente Neuroleptika, manchmal auch ältere Antidepressiva, aber all zu oft, wenn die genannten Substanzklassen im akuten Fall nicht greifen, Benzodiazepine verordnet. Das kann aber auf Dauer und bei wiederholter Gabe das bekannte Problem der Abhängigkeitsentwicklung nach sich ziehen. Hier kann das ältere, gut bewährte Neuroleptikum Loxapin in nun inhalativer Form (Adasuve®; Trommsdorf) in neuer Indikation, nämlich bei leichter bis mittelschwerer Agitiertheit bei Schizophrenie und bipolaren Störungen, welches seit 2013 zugelassen ist, eine gute Alternative darstellen.

Die klinischen Studien der Phase II und III zu Adasuve® umfassten im wesentlichen eine an Patienten mit Schizophrenie und eine an Patienten mit einer bipolaren Störung: Die randomisierte, Plazebo-kontrollierte doppelblinde Multizenter-Studie bei agitierten Patienten mit einer Schizophrenie untersuchte Loxapin in der Dosierung 5 und 10 mg versus Plazebo (Lessem et al. 2011). Der primäre Endpunkt war eine Reduktion auf der PANSS-EC (Excited Component) zwei Stunden nach Gabe der inhalativen Dosis im Vergleich zur Baseline. Es fand sich eine gegenüber Plazebo signifikante Veränderung unter 10 mg Loxapin bereits nach 10 Minuten (!). Ungefähr 60% der Patienten konnten aufgrund der Verbesserung auf der CGI-Skala als Responder klassifiziert werden, ca. 60% der Patienten benötigten nur eine einmalige Dosis von Loxapin.
Loxapin wirkte also sehr schnell in der akuten Behandlung agitierter schizophrener Patienten, wobei nur wenige Nebenwirkungen (UAW) auftraten, nämlich Dygeusia (metallener Geschmack) und leichte Sedierung.

In der randomisierten, Plazebo-kontrollierten doppelblinden Multizenter-Studie zur bipolaren Störung wurden Patienten (manisch oder gemischte Zustände bei Bipolar I) vor und nach 5 oder 10 mg inhalativem Loxapin versus Plazebo untersucht (Kwentus et al. 2012). Hierbei wurden die Patienten für 24 Stunden beobachtet, und nach einer ersten Dosis waren – ähnlich wie bei den Schizophrenie-Studien – zwei weitere Dosen oder die Notfallmedikation mit Lorazepam möglich. Sowohl in dem Zwei-Stunden-Nachbeobachtungszeitraum als auch schon nach 10 Minuten waren beide Dosen effektiv wirksam und führten zur signifikanten Reduktion von Agitation bei den Bipolar-I-Patienten im Gegensatz zu Plazebo (PANSS-EC: -9,0 +- 4.7 vs -4.9+-4.8 Punkte). Hier fanden sich Responder-Raten bis zu 70%, die Hälfte der Patienten benötigte nur eine Dosis. Dysgeusia fand sich bei 17% der Patienten, aber nur bei 6% unter Plazebo; alle anderen Nebenwirkungen waren auf Plazebo-Niveau.

Jedoch ergibt sich ein nicht geringer Nachteil für Loxapin und die neue Darreichungsform als Inhalativum, nämlich die Gefahr von Bronchospasmen bei Patienten mit Asthma bzw. COPD. Diese wurden in Plazebo-kontrollierten klinischen Studien recht häufig bei solchen Probanden (über 50%, bzw. 20%) beobachtet, üblicherweise ca. 25 min nach Applikation (Fachinformation Adasuve). Diese können jedoch unkompliziert mit einem kurzwirksamen bronchodilatorischem Betasympathomimetikum durchbrochen werden. Daraus ergibt sich, dass inhalatives Loxapin nicht bei Patienten mit akuten respiratorischen Problemen oder Symptomen angewandt werden kann. Es darf nur im Krankenhaus unter Aufsicht von medizinischem Fachpersonal verwandt werden. Es muss eine bronchodilatorische Medikation bereitgehalten werden; Patienten müssen nach jeder Dosis 1 Stunde lang auf Anzeichen oder Symptome von Bronchospasmus überwacht werden. Dies alles ist natürlich in einem psychiatrischen Krankenhaus oder Klinik ohne Probleme möglich, beschränkt aber die breite Anwendung von inhalativem Loxapin.
Leider liegen bislang keine Daten für ältere Patienten über 65 Jahre vor; hier wäre an eine Anwendung von Unruhe- und Spannungszuständen insbesondere bei Patienten mit einer Demenz zu denken.

Fazit
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass mit inhalativem Loxapin eine wichtige medikamentöse Alternative für die Behandlung von Agitation, Unruhe- und Spannungszuständen bei schweren psychiatrischen Krankheitsbildern wie Schizophrenie oder bipolarer Störung bereit steht. Bei der Häufigkeit des Auftretens dieser Symptome ist es für eine möglichst gute individuelle Pharmakotherapie wichtig, jetzt auch neben einer Auswahl verschiedener Substanzen, die Möglichkeit einer inhalativen Applikation zu haben. Diese Vorgehensweise ist für den Patienten und das Personal sicherlich in bestimmten Akutsituationen von Vorteil. Dadurch können beispielweise die aversiven Effekte, Nadelstichverletzungen und der Autonomieverlust bei intravenöser oder intramuskulärer (Zwangs-)injektion vermieden werden. Auch gibt es hiermit eine weitere wirkungsvolle Methode, der oralen Medikation neben der Einnahme von Schmelztabletten; insbesondere der bedeutsam schnellere Wirkungseintritt von inhalativem Loxapin ist dabei von Vorteil. Zudem müssen nicht immer Benzodiazepine mit den bekannten Nachteilen eingesetzt werden. An Nebenwirkungen scheint es bei inhalativem Loxapin weniger die Gefahr von EPMS zu geben.

Bestechend ist sicherlich die einfache Handhabe sowie die schnelle Wirksamkeit bei insgesamt ausreichender Verträglichkeit, jedoch, wenn sich der Patient einer Medikation verweigert, wird eine Zuführung – auch im Rahmen einer Zwangsmedikation – eher schwierig, da eine Inhalation das aktive Einatmen voraussetzt.

Aus: neuro aktuell Ausgabe 5, Juni2014

Prof. Dr. Georg Juckel
Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Präventivmedizin,
LWL-Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum,
Alexandrinenstr. 1, 44791 Bochum
georg.juckel@wkp-lwl.org

Literatur:
Fachinformation Adasuve®, Fa. Trommsdorff (2013)
Kwentus J, Riesenberg RA, Marandi M, Manning RA, Allen MH, Fishman RS, Spyker DA, Kehne JH, Cassella JV (2012) Rapid acute treatment of agitation in patients with bipolar I disorder: a multicenter, randomized, placebo-controlled clinical trial with inhaled loxapine. Bipolar Disord 14:31-40
Lesem MD, Tran-Johnson TK, Riesenberg RA, Feifel D, Allen MH, Fishman R, Spyker DA, Kehne JH, Cassella JV (2011) Rapid acute treatment of agitation in individuals with schizophrenia: multicentre, randomised, placebo-controlled study of inhaled loxapine. Br J Psychiatry 198:51-8

Westermayer Verlags-GmbH, Fuchswinkel 2, 82349 Pentenried,
Tel: +49 (0)89 27 22 028, Fax: +49 (0)89 27 30 058, mail@westermayer-verlag.de
© Westermayer Verlags-GmbH